Wir nehmen den Piratenplatz

(Votum von heute Nachmittag)

Liebe Freunde

Vor einer Woche sind wir schon da auf diesem Piratenplatz gestanden und haben gezeigt: Wir sind nicht mehr bereit, die Not zu akzeptieren, die das Bankensystem auf der Welt verbreitet.
Und vor einer Woche habe ich an dieser Stelle schon gesagt: Dieser Platz ist das Zentrum des grössten Verfassungsbruchs der schweizerischen Geschichte. Das Geld, mit dem in diesen Banken hantiert wird, das Geld, das die Welt regiert, ist ungesetzlich. Warum?

In Artikel 99 der Bundesverfassung steht: Nur der Bund darf Münzen und Banknoten herausgeben. Er hat das Geldmonopol, verwaltet von der Nationalbank.
In Tat und Wahrheit werden rund 85 Prozent unseres Geldes von den privaten Banken selbst geschöpft, aus dem Nichts, und gegen Zins verliehen. Jedes Mal, wenn eine Bank einen Kredit vergibt, schöpft sie Geld, das es vorher nicht gegeben hat. Die Geldmenge steigt.

Das ist nicht eine Behauptung von mir. Das sagt die Nationalbank in ihrer Broschüre «Die Nationalbank und das liebe Geld»: «Die Banken sind Geldvermehrer». Aus tausend Franken machen sie 40’000 Franken. Aus einer Million 40 Millionen, aus einer Milliarde 40 Milliarden.
Das wissen leider die meisten Leute nicht. Sogar viele Banker wissen es nicht. Die meisten Politiker wissen es nicht, oder sie schweigen, weil die Banken ihren Wahlkampf bezahlen.

Aber das Gesetz weiss es: Das virtuelle Geld, das in diesen Häusern hergestellt wird, ist ungesetzlich. In Artikel 2 des Gesetzes über die Währung und die Zahlungsmittel steht klar und deutlich, was die gesetzlichen Zahlungsmittel sind. Das Bankengeld ist nicht darunter. Es wird nur so getan, als wäre es gesetzliches Zahlungsmittel. Aber es ist es nicht.

Das Bankengeld hat zwei grosse Probleme:
Erstens wandert es zum grössten Teil gar nicht in die Realwirtschaft, wo es der Arbeit und der Wertschöpfung dienen würde. Sondern es geht in die Spekulation, wo man schneller und mühelos Geld machen kann. Die Rechnung müssen wir in der Realwirtschaft bezahlen: Lohndruck, Rentenkürzung, Prämiensteigerungen, Steuern, Arbeitslosigkeit, Bankenrettungen – es wird je länger je verrückter.

Das zweite grosse Problem des Bankengeldes: Es muss sich wegen des Zinses ständig vermehren. Seine Gier ist eingebaut. Nicht nur die Banker sind gierig. Vor allem das Geld ist gierig. Es braucht immer mehr Opfer, die es ausbeuten kann: die Natur, die Entwicklungsländer, die Hungernden, die Kranken, die Alten, die Frauen, die Kinder, die Jugendlichen, Menschen ohne Ausbildung. Jetzt merkt endlich auch der Mittelstand, dass er zur Kasse gebeten wird.

Man muss nicht Christ sein, man muss kein Jude sein und auch kein Moslem, um zu wissen, dass der Zins nicht funktioniert. Alle diese Weltreligionen haben nämlich den Zins verboten. Dazu eine kleine Geschichte: Joseph eröffnet auf der Sparkasse Nazareth ein Konto für seinen Sohn Jesus und deponiert einen Rappen. Weil Jesus bedürfnislos lebt, bleibt das Geld liegen und kann sich dank Zins und Zinseszins vermehren. Wenn es die Sparkasse von Nazareth heute noch gäbe, wieviel Geld würde auf dem Konto von Jesus liegen: Es sind nicht tausend Franken, es ist auch keine Million, es ist nicht ein Milliarde und auch nicht eine Billion. Es ist unvorstellbare Summe von tausenden von Kugeln aus Gold, jede vom Gewicht des Erdballs. Das ist die Macht der Exponentialfunktion, die in der Natur nicht vorkommt – ausser im Krebs – und die wir Menschen deshalb fast nicht verstehen können.
Das ist die zerstörerische Dynamik des Geldes, das in diesen Häusern produziert wird. Es sind regelrechte Massenvernichtungswaffen.

Mit Massenvernichtungswaffen muss man vorsichtig umgehen. Das erleben zur Zeit die Regierungen der EU, die versuchen, den Brand mit Brandbeschleuniger zu löschen. Aber es betrifft uns auch auf diesem Platz ganz besonders, und zwar aus zwei Gründen:

Wenn unser Protest nicht erfolgreich ist, wenn er gewalttätig wird oder wenn er die Mehrheit der Bevölkerung nicht erreicht, dann verändert sich nichts und das Geld versklavt uns weiter.

Wenn unser Protest aber erfolgreich ist, dann zerstören wir den Mechanismus des Schneeballsystems. Wenn das Kartenhaus des Geldes zusammenbricht, dann braucht es sehr viel Solidarität im Land, viel mehr als jetzt da ist. Auch nur ein paar Tage im Chaos ohne Zahlungsverkehr durchzukommen, ist eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Um sie zu meistern, müssen wir zu kleinen Gandhis, kleinen Jeanne d’Arcs und kleinen Martin Luther Kings werden. Wir können es nicht mit den Banken aufnehmen, wenn wir nicht auch diese Herausforderung annehmen.

Deshalb ist es meine grosse Hoffnung, dass dieser Protest auf jeden Fall friedlich bleibt, dass er alle Menschen umfasst und dass wir spüren: Wir sitzen alle im gleichen Boot, und es nicht voll. Da werden auch Leute drin sitzen, die nicht unserer Meinung sind, vielleicht sogar «Feinde». Deshalb schliesse ich mit einem zweitausend Jahre alten Wort, das bis heute seine Gültigkeit behalten hat: «Liebe deine Feinde!»

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