Ohne Liebe keine Freiheit

Freiheit! Darüber zu schreiben ist ein Risiko. Aber es muss versucht werden.

Freiheit ist das grosse Paradox der menschlichen Existenz. Alle wollen frei sein. Gleichzeitig ist das Leben ein grosses Miteinander – niemand kann allein. Vielleicht scheint sie deshalb irgendwie unerreichbar. Man kann sich zwar in Freiheit fühlen, aber sicher ist man ihrer nie. Nicht einmal das Denken ist frei. Zumindest können wir es nicht wissen. Die Gedanken könnten ja ein Spielchen mit uns treiben, und die Freiheit könnte sich im Undenkbaren verbergen. Und dann, nach langem Irren durch den unwegsamen Dschungel vermeintlicher Freiheiten die grosse Ernüchterung: Freiheit haben wir, wenn wir auf sie verzichten.

Logisch: Die Grenze meiner Freiheit ist die Freiheit des Nächsten. Nur: In einer Welt, in der alles mit allem verbunden ist, sind diese Grenzen potenziell unendlich nah. Das klingt vielleicht abstrakt und philosophisch, hat aber alltägliche Wirkung. Nehmen wir zum Beispiel die Spiegelneuronen, Gehirnzellen, die bei der Wahrnehmung von Handlungen Anderer Reaktionen in uns auslösen, als ob wir sie selbst ausführten. Sie signalisieren eine viel tiefergehende Verbindung zwischen den Menschen und aller Kreatur, als wir gemeinhin annehmen. Wir spüren diese Verbindung beim Fremdschämen, wenn jemandem Schmerz zugefügt wird und wir ihn selbst fühlen oder in allen Momenten des Mitleids. Die Spiegelneuronen sind dabei nicht die materielle Ursache dieses Mitfühlens, sondern die biologische Manifestation eines geistigen Vorgangs. Wenn wir das Bild eines fremden Schmerzes sehen – zum Beispiel auf einem Bildschirm –, wird keine Materie ausgetauscht, bloss Information. Trotzdem entsteht eine körperliche Reaktion.
Dieses Mitfühlen findet wohl immer statt, man nimmt es nur nicht immer wahr; wir könnten mit diesem ständigen Strom an Emotionen vermutlich auch nicht umgehen. Auf der Ebene des Gefühls und des Geistes sind wir also ein allumfassendes, wenn auch wenig bewusstes Menschenkollektiv.

Das bedeutet: Die Grenzen der Freiheit sind möglicherweise recht eng. Wer möchte Menschen an fernen Ufern schon Schaden zufügen, wenn er wüsste, dass er es mit seinen blossen Gedanken täte? Niemand. Lieber würden wir unseren Gefühlen Grenzen setzen. So weit wagen wir allerdings nicht zu denken. Die Vorstellung, dass ich als Indivuum mit dem Chinesen am Fliessband, dem hungernden Steppenkind, dem machtberauschten Megalomanen und mit Herrn Jedermann von nebenan irgendwie eins bin, ist so weit weg, dass die Verbindung für uns einfach nicht existiert, obwohl sie nicht auszuschliessen ist und möglicherweise in kleinster Dosis wirkt. Wir haben andere Probleme.
Wir stecken als Menschengesellschaft noch mitten in einer babylonischen Verwirrung, in der umfassende Wahrnehmung die grosse Ausnahme ist und auf kollektiver Ebene unmöglich erscheint. «Alles ist eins» existiert bestenfalls als esoterische Floskel, die so gut wie niemand ernst nimmt. Denn dann müssten wir uns ganz anders mit unseren «Feinden» auseinandersetzen.

Die Verwirrung auf der Erde ist also insgesamt recht hoch. Die meisten Menschen unterscheiden nicht einmal zwischen «Freiheit von» und «Freiheit zu» und sind inmitten dieser ungelösten Frage mit einer Art Schattenboxen mit sich selber beschäftigt. Wir stecken so tief in unbewussten Abhängigkeiten, von denen wir uns zunächst befreien müssten, dass wir die ungeahnten Möglichkeiten der «Freiheit zu» wie durch eine Virtual Reality Brille-Brille sehen, auf der uns lauter absurde Fiktionen vorgespielt werden, durch uns selbst und durch andere. In dieser Flut von Bildern, Überzeugungen und Gefühlen wirkliche Freiheit zu finden – die Freiheit zu sein, zu tun und zu haben – ist unwahrscheinlich. Und so wollen wir jemand sein, der wir nicht sind; wir tun, was wir nicht wollen und wir haben, was wir nicht brauchen.
In der abstrakten Formulierung klingt es nicht sonderlich schwerwiegend, jemand zu sein, der wir nicht sind. Aber im konkreten Leben ist es ziemlich verheerend.
● Die Angstwellen, die mit jedem Terroranschlag, jeder Kriegsdrohung oder jeder Katastrophenmeldung über die Welt rollen, machen uns zu furchtsamen oder aggressiven Menschen, die sich von anderen bedroht fühlen. So wollen wir doch nicht sein! Von diesen Ängsten müssten wir uns doch befreien.
● Die Erziehung und die Bildung nach den Wahrheiten von gestern machen uns zu Menschen, die die Fehler unserer Eltern und Vorfahren einfach effizienter begehen. Von diesen Konzepten sollten wir uns doch lösen, bevor wir entscheiden, in welche Richtung es geht.
● Unser Geld- und Wirtschaftssystem vergrössert den Mangel Vieler und den Überfluss Weniger und macht uns zu Getriebenen, denen Erkenntnis und Wille zum Ausbruch aus dem Hamsterrad fehlen.
● Dazu kommen die grossen Glaubensirrtümer, wir seien ein Körper und mit dem Tod sei alles aus. Um diese hochrelevante Diskussion auf zwei Sätze zu reduzieren: Aus der Nahtodforschung wissen wir, dass Bilder, Gedanken und Erinnerung kein funktionierendes Gehirn erfordern (ZP 146, Interview mit Pim van Lommel). Die Überzeugung, Leben sei ein reines Phänomen von Biochemie, ist wohl der grösste aller Irrtümer. Wenn wir nicht wissen, dass wir Geist sind, können wir auch nicht erkennen, wovon wir uns befreien müssten und wozu die Freiheit gut sein soll.

Das gigantische Manko an «Freiheit von» kompensieren wir mit einer geballten Ladung unausgereifter «Freiheit zu»: Wir konsumieren den Planeten an den Rand des Verderbens, führen Kriege, dröhnen uns mit legalen und illegalen Drogen zu und hoffen, dass die Technologie uns irgendwie retten wird. «Die Welt ist ein grosser Käfig» ist denn auch das Fazit von Nicolas Carr, Autor des Weltbestsellers «Wer bin ich, wenn ich online bin». In seinem neusten Buch «Utopia Is Creepy» (Utopia ist unheimlich; WW Norton & Company, 2016) beschreibt er das trügerische Versprechen der Technologie. Anstatt uns zu befreien,  hätte sie uns dazu konditioniert, uns von der Welt in Ablenkung und Abhängigkeit zurückzuziehen.

Und da stecken wir nun fest wie in einem Sumpf: Je mehr wir uns zu befreien versuchen, desto tiefer versinken wir. Für diese komplizierte Falle muss es eine einfache Lösung geben: Liebe. Wenn wir lieben, stehen wir auch nicht in Gefahr, Grenzen zu überschreiten. Wir sind frei, wenn wir lieben – unsere Nächsten, unsere «Feinde», die Kreatur, uns selbst. Zuerst Liebe, dann Freiheit.

Aus dem Zeitpunkt 150 «frei | gefangen»

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Eine Antwort auf Ohne Liebe keine Freiheit

  1. Ja, Freiheit beginnt mit dem fallenlassen jeglicher Vorstellung was Freiheit ist. Was heisst, ich wende mich der Wirklichkeit zu und verlasse das Verstandesprogramm zum Thema Realität.
    Ich fange an nur noch Ja (im Sinne von einverstanden sein) zu sagen, Ja auch zum Nein, damit überlasse ich die Führung dem Leben an Stelle meines kleinen Ich’s, welches eine Ansammlung von Meinungen ist.
    Anzunehmen, was das Leben mit mir will, was man Unterwerfung oder Hingabe an das Leben nennen könnte, ist augenblicklich Freiheit.
    Der Artikel ist sehr stimmig und wird wie alle solchen Texte nur von denen wirklich gelesen, welche sich durch all dies schon durchgeackert haben. Aber man weiss ja nie!!

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