Wer profitiert von den tiefen Zinsen und wer bezahlt dafür?

Alles Geld besteht aus Schulden, denn Geld kommt nur dann in Umlauf, wenn jemand einen Bankkredit aufnimmt, sei dies nun ein Staat , ein Unternehmen oder eine natürliche Person.
Früher hat Geld etwas gekostet, nämlich den Zins. Frisches Geld bekam also nur, wer den Zins bezahlen konnte. Das waren neben den Vermögenden auch all jene, die bereit waren, dafür zu arbeiten.

In Zeiten von niedrigen Zinsen oder gar Negativzinsen ist das anders: Frisches Geld ist zwar billig wie noch nie; aber es geht nur noch an Kreditnehmer, die Sicherheiten vorlegen können. Deshalb bekommen neues Geld fast nur noch die Vermögenden. Weil sie mit ihrem Geld typischerweise nicht arbeiten, sondern es anlegen, steigen die Preise der Vermögenswerte, vor allem Aktien und Immobilien.

Die Folge: Zum Kauf einer Immobilie braucht es mehr Eigenkapital. Wer nur noch seine Arbeitskraft als Sicherheit bieten kann, geht zunehmend leer aus, trotz niedriger Zinsen. Deshalb reicht ein moderates Einkommen zum Erwerb von Wohneigentum nicht mehr aus.

Wer zuwenig Eigenkapital zur Bildung von Realvermögen hat, ist deshalb zum Sparen gezwungen, das heisst: Er muss es seiner Bank als Kredit zur Verfügung stellen, erhält dafür aber wegen der Zinsen im Bereich von Null keine Entschädigung. Dieses erzwungene Spargeld dient den Banken dann als Reserve für Kredite, die wiederum vor allem den Vermögenden offenstehen. Auf diese Weise wirken die tiefen Zinsen als versteckte Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden.

Ein konkretes Rechenbeispiel, wie diese Umverteilung allein durch einen öffentlichen Haushalt gefördert wird: Dank der tiefen Zinsen hat Deutschland seit 2008 gegenüber seinen Finanzplänen 122 Mrd. Euro gespart. Dieses Geld gehört eigentlich den Zwangssparern im mittleren und unteren Einkommensbereich, deren Zinsertrag entsprechend gesunken ist, aber immer noch gleich viel oder mehr Steuern bezahlen. (Details in «Schwarze Null – mit freundlicher EZB-Unterstützung», Handelsblatt vom 5.9.2016).

Wie lange dieses Spiel noch weitergetrieben werden kann, ist eine offene Frage. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat für 2017 schon mal Steuererleichterungen im Umfang von 15 Mrd. Euro angekündigt, die kleinere und mittlere Einkommen entlasten sollen. Das ist allerdings deutlich weniger als das, was durch die Niedrigzinspolitik der EZB von unten nach oben umverteilt wurde. Zudem ist es bloss eine Ankündigung und sie beschränkt sich erst noch bloss auf die Umverteilung durch den Staatshaushalt.

Der grösste Teil der Umverteilung findet allerdings ausserhalb des Staatshaushaltes statt. So steigen die Mieten nach wie vor (wenn auch verlangsamt), obwohl die Hypothekarzinsen seit Ausbruch der Finanzkrise auf historische Tiefststände gesunken sind. Die Umverteilung versteckt sich auch in sinkenden Renten. Betrug die Mindestverzinsung bei der beruflichen Vorsorge 2004 noch 4,0 Prozent, liegt sie aktuell bei 1,25 Prozent. Die Jahresrente eines Mustereinkommens von 84’600 Franken sinkt dadurch von 43’890 auf 24’935 Franken (Sonntagszeitung, 11.9.2016).

Der leistungslose Vorteil für die grossen Vermögen durch die Niedrigzinspolitik ist enorm. Für das reichste Prozent der Deutschen, die nach Berechnungen der EZB rund ein Drittel des Gesamtvermögens besitzen, spielen verzinsliche Wertpapiere und Bankzinsen keine grosse Rolle. Ihr Vermögen liegt in eigenen Unternehmen, Immobilien und Aktien, deren Wert mit der Geldmenge steigt. Damit dem Wertpapiermarkt nicht die Luft ausgeht, braucht es 200 Mrd. Dollar Notenbankgeld, errechnete der Anlagestratege Matt King von der Citigroup im Oktober 2014 (Norbert Häring: «Die Superreichen und die Geldspritzen», Handelsblatt, 6.11.2014.) Ohne neues Geld hätten ihre Vermögen bereits 2014 zehn Prozent ihres Werts verloren.

Gemäss «Flossbach von Storch Research Institute» sind die Vermögenspreise mit einer jährlichen  Zunahme von 2,7 Prozent seit 2005 fast doppelt so schnell gewachsen wie die Konsumentenpreise (Vermögenspreisindex Q2_2016). Der Produzentenpreisindex liegt für dieselbe Zeitspanne übrigens bei einem jährlichen Wachstum von 1,1 Prozent. Die Kosten der Produkte sinken also im Vergleich zu den Preisen, die wir dafür bezahlen – ein weiterer Hinweis darauf, dass die grossen Vermögen ihre Marktmacht auch dafür nutzen, den Profit ohne entsprechende Gegenleistung zu erhöhen.

Die wachsenden Einkommensunterschiede verheissen nichts Gutes. Die Geschichte zeigt eine enge Korrelation von Vermögensungleichheit und gewaltsamen Umwälzungen. Das ist schon lange bekannt. Nach einer Studie, die der Nationalökonom Prof. Gustav Ruhland im Auftrag Bismarcks durchführte, war es gerade die Kreditausweitung, die die meisten Hochkulturen zu Fall gebracht hat. (Ludwig Ruhlands Bücher sind längst vergriffen, hier aber noch online zu finden: www.vergessene-buecher.de). Geldpolitik ist also auch Friedenspolitik, oder, wenn sie falsch betrieben wird, zumindest passive Kriegstreiberei.

 

Die Niedrigzinspolitik benachteiligt die mittleren und kleineren Einkommen, indem sie den grossen Vermögen einen leistungslosen Vorteil ermöglicht. Für das reichste Prozent der Deutschen, die nach Berechnungen der EZB rund ein Drittel des Gesamtvermögens besitzen, spielen verzinsliche Wertpapiere und Bankzinsen keine grosse Rolle. Ihr Vermögen liegt in eigenen Unternehmen, Immobilien und Aktien, deren Wert mit der Geldmenge steigt. Damit dem Wertpapiermarkt nicht die Luft ausgeht, braucht es 200 Mrd. Dollar Notenbankgeld, errechnete der Anlagestratege Matt King von der Citigroup im Oktober 2014 (Norbert Häring: «Die Superreichen und die Geldspritzen», Handelsblatt, 6.11.2014.)

 

Das viele Geld zu niedrigsten Zinsen

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2 Antworten auf Wer profitiert von den tiefen Zinsen und wer bezahlt dafür?

  1. Werner sagt:

    Guten Tag und besten Dank für die informativen Beiträge !
    Ich interessiere mich sehr für die Hintergründe unseres (kapitalistischen) Geldsystem.
    Insbesondere:
    – Den Erfolg des lokalen Geldes „Leman“ in der Region Genfersee
    – Die „Dunkelkammer“ SNB …
    …Wenige operieren mit hunderten Milliarden Franken, das Dogma von der „Unabhängigkeit“ der SNB, welche Gelder werden zu Devisenkäufen eingesetzt (Spargelder von den Privatbanken, … ?), welche Banken sind Hauptgläubiger der SNB ? Gründe, wieso die SNB gegen die Vollgeldinitiative war, Wer legt die Mindestreserven der Geschäftsbanken fest, …

  2. Peter Hutterer sagt:

    Sehr geehrter Herr,

    wenn ich Ihre Vollgeld Initiative verfolge, frage ich mich manchmal, hat schon jemand das ESVG 2010 & die Sonderveröffentlichungen gelesen?
    Alles entstanden aus dem SNA. Seit wann haben wir das? Von den Vereinten Nationen wurde das, so viel ich glaube, 1930 entwickelt und nach dem 2. Weltkrieg gefestigt.

    So viel ich glaube, zu wissen, war die Schweiz noch nie in einem Weltkrieg direkt verwickelt.

    Da ich ihre Datenbank der schweizerischen Nationalbank nicht kenne, so muss ich auf die Datenbestände der Deutschen Bundesbank zurück greifen.

    Kennen wir den Zusammenhang Buchungsregeln, Rechnungslegungsstandards IAS, Sonderveröffentlichungen (DBBk), dem Niederstwertprinzip und der Differenzbilanz und dann zum Schluss einen Schätzwert durch Neubewertung? Ist das Ergebnis der FSI Wert?

    Wir haben ein Prinzip. Es besteht aus Bargeld, Buchgeld, Zentralbankgeld, alle 3 Geldarten werden generiert durch einen Kredit. Man kann es im Glossar der Deutschen Bundesbank (DBBk) nachlesen.

    In der Mathematik haben wir Zeichen, mit welchem Zeichen schreiben wir die Werte hin? Mit einem Vorzeichen oder Rechenzeichen?

    Und wir besitzen eine positive und eine negative Schuld.

    Jetzt sollten sie mir erklären können, wie das alles insgesamt zusammen hängt?

    Sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir nur das Zentralbankgeld als gesetzliches Zahlungsmittel gelten lassen, die Geldschöpfung damit betreiben wollen? Hat die Zentralbank auch so viel Geld? Was ist Geld? So viele Bücher fangen mit diesem Satz an, nur selten wird dabei das ESVG erwähnt. Wissen wir, wie Schuld entsteht und warum wir so viele arme Menschen auf dieser Erde haben? Könnte es sein, dass unsere Fiskalisten und Monetaristen im Geldprinzip die Verursacher der Hoffnungslosigkeit sind? Wer weiß es? Der Wind?

    Kurz um, unser Geldprinzip ist eine Schuldgeld, wer hat nun die Null erfunden und wer hat daraus ein Axiom erstellt?

    Falls es sie interessiert, so kann ich ihnen eventuell dabei behilflich sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Hutterer

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