Wovon sich die Männer emanzipieren sollten

Grovel-©ron&joeDie Männerzeitung bat mich um einen Beitrag zum Thema «Geld». Hier das Resultat:

Der Mensch, und damit auch der Mann, ist von vielen Dingen abhängig. Aber nicht von allen muss er sich emanzipieren. Einige Abhängigkeiten dürfte er sogar ein bisschen stärker in sein Bewusstsein aufnehmen – die Abhängigkeit von der Natur zum Beispiel, von Liebe, von der Familie (schliesslich ist er in einer entstanden) oder von einer sinnvollen Arbeit. Sie schränken zwar auf der einen Seite die Freiheit ein, schenken aber auf der anderen Seite ein Mehrfaches zurück: das Glück einer Welt, in der alles seinen Platz hat, die Sicherheit verlässlicher Beziehungen oder die Erfüllung, sich in der Arbeit zu verwirklichen.

Am abhängigsten ist der Mann ausgerechnet von der Sache, die ihm die grösste Freiheit vorgaukelt: Geld. Es verspricht uns Wohlstand, Sicherheit und Ansehen, und wir opfern unsere Träume, unsere Selbstbestimmung, die Gesundheit, manchmal unsere Ehrlichkeit – und immer auch ein bisschen unserer Identität. Wir sind nicht, wer wir sind, sondern was wir haben. Aber macht das Geld sein Versprechen wahr? Die Antwort der Sozialforschung ist klar: Ab einem gewissen Einkommen vergrössert seine Erhöhung das Glück nicht. Und am Ende des Lebens sagen viele Menschen, sie hätten lieber ein bisschen mehr gelebt und ein bisschen weniger verdient.

Noch trostloser sieht es auf der kollektiven Ebene aus: Unser Geld scheint eine Einrichtung zu sein, von der nicht alle gleichzeitig profitieren können. Wir arbeiten unermüdlich, aber nur ein kleiner Teil erntet die Früchte. Von der Schweiz aus sehen wir nur die Schokoladenseite der Ungleichheit. Die meisten können sich viel leisten; aber die Armut in den Schwellen- und Entwicklungsländern sehen wir nicht. Die Appelle an die Moral nützen deshalb nicht viel, weil die sich ausbreitende Ungerechtigkeit kein moralisches Problem ist, sondern eine direkte Folge unseres Geldsystems. Und damit sind wir endlich bei dem Thema angelangt, wo der grösste Emanzipationsbedarf von Männern liegt: beim Geld.

Geld ist ein Irrtum; es ist nicht das, was wir meinen und es tut nicht das, was wir erwarten. Dies ist keine philosophisch-moralische Aussage, sondern eine nüchterne, ökonomische Feststellung. Um zu erkennen, was Geld heute ist, muss man wissen wie es entsteht. «Banken schöpfen Geld, indem sie Kredite verleihen», schreibt die Nationalbank in ihrer Broschüre «Die Nationalbank und das liebe Geld». In der Tat: Die Banken verleihen nicht das Geld der Sparer, wie sie immer behaupten, sondern schreiben dem Kreditnehmer einen Betrag ins Konto, den es vorher nicht gegeben hat. Dabei entsteht ein gleich bleibendes Guthaben, das in Zirkulation geht und eine Forderung, die mit der Zeit wächst – der Schuldner muss seinen Kredit ja mit Zins und Zinseszins zurückbezahlen.

Diese Asymmetrie an der Basis der Geldschöpfung hat eine Reihe von Problemen mit verheerender Wirkung zur Folge: Es gibt nie genug Geld, um die Schulden zurückzuzahlen. Doch was sind Schulden, die nicht bezahlt werden können? Auf diese Frage gibt es weder eine juristisch noch ökonomisch befriedigende Antwort. Als Folge wächst die Lücke zwischen Geldmenge und Schuldenlast mit exponentieller Dynamik, zuerst langsam und schliesslich so schnell, dass demokratische Lösungen praktisch unmöglich werden. Mit Griechenland ist die Enteignung definitiv in unserem Vorgarten angekommen. Als nächsten drohen Bargeldabschaffung und Vermögensabgaben.

Weil der Zins in diesem privaten Geldsystem gewissermassen ins Geld eingebaut ist, zahlen wir mit jeder Transaktion Zins, ohne dass wir es merken, im Durchschnitt rund ein Drittel unserer Ausgaben. Wer ein Haushaltsbudget von 60’000 Franken hat, bezahlt jährlich 20’000 Franken versteckten Zins. Um ein Kapitaleinkommen von dieser Grössenordnung zu erreichen, muss man schon ziemlich reich sein. Von dieser unsichtbaren Umverteilung profitieren nur rund 15 Prozent – das ist der Grund, warum die Armen ärmer und die Reichen reicher werden. Die Folgen dieser privaten Geldschöpfung aus dem Nichts gegen Zins gehen aber noch viel weiter: Die Produktion orientiert sich – weitgehend unökonomisch – am kurzfristigen Gewinn anstatt am langfristigen Nutzen. Es bilden sich Blasen, der Wettbewerb verschärft sich, der Druck auf Löhne, Umwelt und alle schwachen Glieder der Gesellschaft steigt – bis zum bitteren Ende.

Es ist ein System des institutionalisierten Mangels, von dem man sich früher oder später emanzipieren muss, individuell und kollektiv. In der Schweiz sind wir in zweifacher Hinsicht in einer günstigen Lage: Wir sind (noch) relativ reich und haben individuellen Spielraum. Zudem haben wir dank der direkten Demokratie die Möglichkeit, die Regeln der Geldschöpfung auf eine nachhaltige Basis zu stellen, zum Beispiel mit der Vollgeld-Initiative.
Der Königsweg, sich vom Geld zu emanzipieren, dies die Erfahrung aus 29 Jahren Beschäftigung mit dem Thema als Autor, Unternehmer und Experimentator, ist übrigens, es zu verschenken.

Die «Männerzeitung» erscheint viermal jährlich und kostet als Einzelnummer Fr. 15.- und im Jahresabo Fr. 50.-. www.maennerzeitung.ch

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