Die Wahrheit ist eigentlich fast nicht zu tragen

«Das Wasser ist das Geheimnis der Fische und die Luft das Geheimnis der Vögel.» Und das Geld das Geheimnis der Wirtschaft, müsste man dieses schöne Wort eines unbekannten Verfassers ergänzen.

In diesem Blog werde ich nicht lange um den Brei herumschreiben. Wer will sich schon lange vor dem Bildschirm den Kopf über Unverständliches zerbrechen, während die Welt draussen schon wieder komplizierter wird?
Aber sie wird auch bedrohlicher. Das weltweite Finanzsystem, eine Art Turmbau zu Babel, wackelt schon gefährlich. Überall werden seine Bauherren und Architekten vor die Kameras gerufen, wo sie mit immer neuen Massnahmen begründen, warum man sich nicht sorgen soll.
(Ein kürzliches Beispiel dazu lieferten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy: ARD-Beitrag auf youtube, 1:58 min)

Die wenigsten Menschen stellen sich Frage, wie das Geld in die Welt kommt. Nicht einmal die Wirtschaftswissenschaft befasst sich – mit einigen löblichen Ausnahmen – mit dem Thema. Die Wirtschaft schwimmt im Geld wie der Fisch im Wasser. Sie weiss viel, aber versteht nichts.

Deshalb zur Sache: Geld entsteht jedes Mal neu, wenn jemand von der Bank einen Kredit erhält. Dann schreibt die Bank dem Konto des Kreditnehmers einen Betrag gut und stellt bei der Zentralbank ein bisschen Reserve sicher, in der Schweiz 2 ½ Prozent. Die Zahl auf dem Konto ist Geld, kein Zweifel. Sie können damit unverzüglich Rechnungen bezahlen. Der virtuelle Wert wird akzeptiert, als wäre er real. Und weil dies alle tun, ist er auch ein bisschen real. Aber eben leider nur ein bisschen.
Denn der Wert hinter diesem neu geschaffenen Geld, besteht aus dem Versprechen, den Wert in Zukunft erst noch zu schaffen. Klar: Man investiert, verdient damit mehr Geld und kann den Kredit samt Zinsen zurückbezahlen.

Aber so einfach ist es leider nicht: Denn mit dem Kredit der Bank erhöht sich die Geldmenge nur um den geliehenen Betrag, nicht aber um den Zins, der noch geschuldet wird. In unserer Wirtschaft tummeln sich also eine Menge Leute, die in der Summe mehr zurückzahlen müssen, als überhaupt vorhanden ist. Dieses ziemlich gigantische Problem, «löst» unser Finanzsystem, indem es zur Ausweitung der Geldmenge immer neue Kredite spricht. Damit vergrössern sich auch die Schulden, und zwar schneller als die Geldmenge.
Nun gibt es viele akademische Schlaumeier, die uns mit der Behauptung beschwichtigen, mit diesen Schulden würden reale Werte geschaffen. Einer dieser Leute ist Prof. Dennis Snower vom Institut für Weltwirtschaft, der zwischen guten und schlechten Schulden unterscheidet. Sie können ihn live in diesem TV-Beitrag in plusminus der ARD sehen (10 Minuten beschwichtigende Aufklärung, ein bisschen wie Sonntagsschule für besorgte Steuerzahler).

Gute Schulden macht man für Infrastruktur oder Bildung zur Steigerung der Wertschöpfung, mit schlechten bezahlt man einfach alte Schulden, sagt Snower Damit hat er ein bisschen Recht, obwohl er natürlich das unlösbare Problem mit den Zinsen ausklammert, die in der Geldmenge fehlen.
Was der Mann vor allem verschweigt: Die meisten Kredite wandern nicht in die Wertschöpfung, sondern in den Kapitalmarkt, um mit ihnen als Wertpapiere bezeichnete Schulden zu kaufen. Das verschönert die Zahlen (kurzfristig), aber produziert null Wertschöpfung und vor allem: Es vergrössert das Problem, das wir in der Zukunft lösen müssen.

Warum die Entstehung des Geldes für die Mehrheit der Menschen ein Geheimnis ist, bleibt mir ein Rätsel. Sie wird in vielen Büchern beschrieben, findet sich gut versteckt in den Websiten von Zentralbanken (Beispiel Bundesbank, hier etwas übersichtlicher aus dem Zeitpunkt [pdf]) und wird auf Anfrage offen zugegeben. Ganz kürzlich hat dies der Petitionsausschuss des deutschen Bundestags wieder getan: «Die Geschäftsbanken schaffen Geld, wenn sie ihren Kunden Kredite gewähren und die Beträge auf Konten gutschreiben. Sie vergrößern durch die Schaffung dieses Giralgeldes ohne Zutun der Notenbank die umlaufende Geldmenge.» (Mehr dazu: «Bundestag will die private Geldschöpfung nicht stoppen»)
Die Beispiele stammen aus Deutschland, weil hierzulande Fragen des Geldsystems noch kaum diskutiert werden. Die Banken und ihre Schweiz – der brillante Titel des Buches von Peter Hablützel lässt ahnen, warum.

Ich hoffe sehr, dass sich dies mit meiner Kandidatur ändert. Darüber Schreiben und Vereine zum Thema zu gründen, ändert leider wenig. Das ist meine 30-journalistische Erfahrung. Das Thema muss auf das politische Parkett, das ist der Sinn und Zweck meiner Kandidatur mit parteifrei.ch. Weil ich nicht versprechen mag, erst nach der Wahl das Geldthema aufzumischen, will ich es jetzt schon tun. Wenn dies mir bis zum Wahltermin am 23. Oktober gelingt, habe ich meiner Ansicht nach die Wahl verdient. Und damit auch einen Wählerauftrag, von dem ein Kandidat nur träumen kann.

Mit diesem Beitrag beginnt mein Blog «Auf der Suche nach dem gerechten Geld». Ich werde mich nicht schonen und hoffe, Sie mit auf eine spannende Reise nehmen zu können, die uns jeden Tag ein bisschen tiefer in die Geheimnisse des Geldes und das Schweigen der Politik führt.
Ich setze alles daran, mich kurz zu fassen und verständlich zu schreiben. Aber manchmal muss man auch eine Geschichte erzählen. Weil man sonst nicht erträgt, dass alles wahr ist.

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